Kleine Krauter

In den letzten Tagen habe ich vermehrt Aufforderungen erhalten, unter anderem von Internet-Kapazundern wie Sascha Lobo, den “echten Journalismus im Netz zu ermöglichen” und zu diesem Zweck eine Spendenzusage an die Krautreporter zu machen (bzw. ein konditionales Online-Abo abzuschließen).

Die Krautreporter, das ist eine engagierte Gruppe von Journalisten (ein paar wenige Journalistinnen sind auch dabei). Sie haben sich von einem niederländischen, ganz vernünftig wirkenden Projekt inspirieren lassen, das De Correspondent heißt und dem es im September 2013 gelungen ist, innerhalb von acht Tagen mehr als eine Million Euro durch Crowdfunding zu erzielen.

So sollen jetzt auch wir  in den Genuß eines werbefreien, Community-finanzierten, unabhängigen und echten Internet-Journalismus kommen, wenn wir nur bereit sind, unsere Schatullen zu öffnen und 60 Euro für den Guten Zweck zu geben. Selbstverständlich gibt es auch Mengenrabatte, so dass 1000 Mitgliedschaften bereits für 50.000 Euro zu haben sind.

Die Leute von De Correspondent haben auf ihrer Webseite eine Art Kodex veröffentlicht, der sich ganz interessant liest und in dem unter anderem auch folgendes steht: “Ambitious in ideals, modest in claims”, also soviel wie “ehrgeizig bei den Idealen, bescheiden bei den Behauptungen”. Im dazugehörigen Absatz schreiben sie auch, dass sie nichts Existierendes ersetzen wollen, sondern sich als Ergänzung und Bereicherung verstehen.

Ich glaube, die Krautreporter hätten gut daran getan, sich diesen Absatz genauer anzusehen und etwas bescheidener zu sein. Vieles in den Zehn fantastischen Gründen, Krautreporter zu unterstützen wirkt eher überheblich. Im Gegensatz zum niederländischen Vorbild ist hier auch von einem “Neustart” des Online-Journalismus die Rede. Das ist mir alles zu viel Weltrettungs-Rhetorik.

Und die zehn fantastischen Gründe lesen sich auch nicht gerade so, als habe man da eine großartige Idee gehabt und wolle sie jetzt mit Begeisterung umsetzen, sondern eher nach einer Mischung aus Empörung und Verbitterung. Die allererste Antwort jedenfalls, die auf der Krautreporter-Webseite auf die Frage “Warum?” gegeben wird, ist nicht etwa “Weil wir was tolles machen wollen.” oder “Weil wir glauben, dass das gebraucht wird.” sondern “”Der Online-Journalismus ist kaputt.”

Die Ankündigung, “den Interessen der Community und nicht der Werbepartner” dienen zu wollen, ist bisher ein leeres Versprechen, weil überhaupt nicht klar ist, wie die Krautreporter das umsetzen wollen. Und sie enthält die Unterstellung, woanders habe man eben nur den Interessen der Werbepartnerinnen und Werbepartner im Blick. Weiter ist die Rede vom  “ärgerlichen Klickvieh-Gefühl”, das die Leserinnen und Leser beim derzeitigen Online-Journalismus haben, der mangelnden Qualität der Artikel durch den Zeitdruck und der Inspiration durch “irgendwelche Like-Schleudern”. Und weil es offenbar ohne Algorithmen-Kritik nun nicht mehr geht, schreiben die Krautreporter hier auch noch, dass die Artikel derzeit ja “für den Google-Bot [...] und nicht für Leser” geschrieben werden.

Es mag schon sein, dass diese Vorwürfe teilweise berechtigt sind. Und ich fände ein Projekt wie De Correspondent in deutscher Sprache wirklich großartig. Ich glaube aber nicht, dass das mit dem Ansatz, den die Krautreporter da gewählt haben, funktionieren wird. Denn ich glaube nicht, dass Empörung, Verbitterung und der diffuse Wunsch nach Unabhängigkeit ausreichen, um ein Community-Projekt erfolgreich zu machen. Deswegen auch meine Antwort an den Kapazunder: Nö.

4 comments

  1. Michael

    Bei den gleichen Autoren mit anderer Aufmachung wärst du dabei? Nicht die Verpackung, sondern der Inhalt zählt. Deshalb bin ich dabei. Wenns nichts wird kann ich in nem Jahr auch wieder aussteigen.

    • Gerhard Anger

      Ja, ich würde drüber nachdenken, wenn die Haltung, aus der das Ganze offenbar entsprungen ist, nicht so negativ und verbittert und mir deswegen nicht so zuwider wäre. Und mehr Diversität bei den Initiator*innen wäre auch sehr schön…

  2. Pingback: Krautreporter – Rein oder Raus? – Klaus Peukert

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